Seniorin löst am Küchentisch eine Konzentrationsübung, ihr Mann misst lächelnd die Zeit mit einer Stoppuhr

Macht Gehirnjogging Autofahrer sicherer? Übungen für Konzentration

Inhaltsverzeichnis

Das Wichtigste in Kürze

  • Laut bfu reagieren die meisten Menschen am Steuer innerhalb von etwa zwei Sekunden, bei Ablenkung verlängert sich die Reaktionszeit im Schnitt um ein Drittel.
  • In der amerikanischen ACTIVE-Studie hatten ältere Fahrerinnen und Fahrer nach einem Training der Verarbeitungsgeschwindigkeit über rund sechs Jahre deutlich seltener selbstverschuldete Unfälle als die Vergleichsgruppe.
  • Eine grosse Übersichtsarbeit von 2016 zeigt, dass Gehirnjogging vor allem die geübten Aufgaben verbessert und nur wenig Beleg für eine breite Wirkung im Alltag liefert.
  • Am meisten bringen Übungen, die dem Fahren ähneln: schnell erfassen, Aufmerksamkeit teilen, Ablenkungen ausblenden und Wege planen.
  • Gehirnjogging ersetzt weder die obligatorische Kontrolluntersuchung ab 75 noch das Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt, kann aber helfen, sich geistig fit und sicherer zu fühlen.

Einführung

Ja, gezieltes Gehirnjogging kann helfen, vor allem wenn es Aufmerksamkeit und Reaktionstempo trainiert. Damit Gehirnjogging Autofahrer im Alter wirklich unterstützt, kommt es auf die richtigen Übungen und auf Regelmässigkeit an.

Autofahren ist Kopfarbeit. Sie beobachten den Verkehr, lesen Signale, schätzen Abstände ein und reagieren auf Unerwartetes, oft alles gleichzeitig. Mit den Jahren kann das etwas mehr Kraft kosten. Das ist normal und kein Grund zur Sorge. Es lohnt sich aber, den Kopf gezielt in Schwung zu halten.

In diesem Beitrag erfahren Sie, was die Forschung über Gehirnjogging für Autofahrer sagt, welche Übungen sich für den Alltag eignen und was neben dem Training zu einer sicheren Fahrt beiträgt.

Macht Gehirnjogging Autofahrer im Alter sicherer?

Ein bestimmtes Training kann helfen: In einer grossen amerikanischen Studie hatten ältere Fahrerinnen und Fahrer nach Übungen zur Verarbeitungsgeschwindigkeit über Jahre weniger selbstverschuldete Unfälle. Allgemeines Rätselraten wirkt dagegen vor allem auf die Rätsel selbst.

Die bekannteste Untersuchung ist die sogenannte ACTIVE-Studie. Laut der Auswertung von Ball und Kollegen (2010) nahmen 908 ältere Fahrerinnen und Fahrer teil, im Durchschnitt 73 Jahre alt. Sie erhielten bis zu 10 Trainingseinheiten von etwa 70 Minuten. Geübt wurde am Computer: Gegenstände bei immer kürzerer Anzeigezeit erkennen, die Aufmerksamkeit auf zwei Aufgaben verteilen und das Ganze schliesslich mit Ablenkungen.

Das Ergebnis: Wer die Verarbeitungsgeschwindigkeit oder das logische Denken trainiert hatte, war in den rund sechs Jahren danach seltener in selbstverschuldete Unfälle verwickelt als die Vergleichsgruppe. Beim reinen Gedächtnistraining zeigte sich kein solcher Unterschied.

Wichtig zur Einordnung: Eine umfassende Übersichtsarbeit von Simons und Kollegen (2016) kam zum Schluss, dass Gehirnjogging vor allem die geübten Aufgaben verbessert. Für eine breite Wirkung auf den Alltag fanden die Forschenden nur wenig Belege.

Was bedeutet das für Sie? Üben Sie möglichst das, was Sie beim Fahren wirklich brauchen. Ein Kreuzworträtsel ist schön und hält die Sprache frisch. Für den Strassenverkehr sind Übungen zu Tempo, Überblick und geteilter Aufmerksamkeit aber näher am Ziel.

Welche geistigen Fähigkeiten braucht man beim Autofahren?

Am Steuer zählen vor allem vier Fähigkeiten: schnell erfassen, was passiert, die Aufmerksamkeit auf mehrere Dinge verteilen, Ablenkungen ausblenden und vorausschauend planen. Dazu kommt die Reaktion, also das rasche und richtige Handeln.

Wie viel Zeit dabei im Spiel ist, zeigt die bfu: Die meisten Menschen reagieren am Steuer innerhalb von etwa zwei Sekunden. Ist man abgelenkt, verlängert sich die Reaktionszeit im Schnitt um ein Drittel. Bei drei Sekunden Reaktionszeit legt man auf der Autobahn laut bfu rund 100 Meter zurück, bevor man überhaupt handelt.

Die wichtigsten Fähigkeiten im Überblick:

  • Konzentration: über längere Zeit wach und aufmerksam bleiben, auch auf bekannten Strecken.
  • Geteilte Aufmerksamkeit: gleichzeitig auf Ampel, Fussgänger und Rückspiegel achten.
  • Selektive Aufmerksamkeit: Wichtiges von Unwichtigem trennen, etwa ein Verkehrsschild zwischen vielen Werbetafeln.
  • Reaktion: schnell und vor allem richtig handeln, zum Beispiel bremsen statt beschleunigen.
  • Planen und Orientieren: den Weg im Kopf haben und Manöver frühzeitig vorbereiten.

Viele dieser Fähigkeiten hängen eng mit dem Arbeitsgedächtnis zusammen. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag zum Arbeitsgedächtnis.

Welche Übungen trainieren Konzentration und Reaktion?

Gut geeignet sind kurze Übungen, die Tempo, Überblick und Mehrfachaufgaben verlangen. Sie brauchen dafür weder Computer noch teure Programme: Papier, Bleistift, eine Uhr und manchmal eine zweite Person genügen.

Übungen für Konzentration und schnelles Erfassen

  • Buchstaben jagen: Nehmen Sie einen Zeitungsartikel und streichen Sie in zwei Minuten jedes "e" durch. Zählen Sie danach nach, ob Sie welche übersehen haben. Beim nächsten Mal suchen Sie zwei Buchstaben gleichzeitig.
  • Zahlen-Buchstaben-Pfad: Schreiben Sie die Zahlen 1 bis 12 und die Buchstaben A bis L verstreut auf ein Blatt. Verbinden Sie sie abwechselnd: 1, A, 2, B, 3, C. Messen Sie die Zeit und versuchen Sie, sich langsam zu steigern.
  • Blitzblick: Eine Person legt fünf bis acht Gegenstände auf den Tisch, deckt sie nach fünf Sekunden ab, und Sie zählen auf, was Sie gesehen haben.

Übungen für die Reaktion

  • Lineal fangen: Eine zweite Person hält ein Lineal senkrecht über Ihre geöffnete Hand und lässt es ohne Ankündigung fallen. Sie fangen es so schnell wie möglich. Die Zentimeterzahl zeigt, wie rasch Sie waren.
  • Farbsignal: Die Partnerin hält zufällig eine rote oder grüne Karte hoch. Bei Grün klatschen Sie, bei Rot bleiben Sie ruhig. Das übt, nicht nur schnell, sondern auch richtig zu reagieren.
  • Ballspiele: Einen Ball zuwerfen, mal links, mal rechts, schult Blick und Bewegung zugleich.

Übungen für die geteilte Aufmerksamkeit

  • Gehen und rechnen: Zählen Sie beim Spazieren laut in 3er-Schritten rückwärts, zum Beispiel von 100 an. Achten Sie dabei weiter auf den Weg.
  • Kommentiertes Mitfahren: Wenn Sie Beifahrerin oder Beifahrer sind, benennen Sie leise alles, was für die Fahrerin wichtig sein könnte: das Kind am Strassenrand, das Velo hinter dem Bus, das Vortrittssignal.
  • Kartenspiele: Jassen und ähnliche Spiele verlangen, dass Sie Karten im Kopf behalten, mitrechnen und gleichzeitig planen.

Übungen für Planung und Orientierung

  • Route im Kopf: Prägen Sie sich vor einer Fahrt die Strecke auf der Karte ein und beschreiben Sie sie anschliessend aus dem Gedächtnis.
  • Rückblick am Abend: Erinnern Sie sich an eine heutige Strecke. Wo mussten Sie abbiegen, wo galt welches Tempo?

Weitere Übungsideen finden Sie in unserem Praxisportal und im Beitrag Gehirnjogging 50 plus.

Wie oft sollte man Gehirnjogging machen?

Regelmässigkeit zählt mehr als Dauer. Täglich 10 bis 20 Minuten sind ein guter Richtwert, idealerweise mit wechselnden Übungen. So bleibt das Training fordernd, ohne zu ermüden.

Zur Orientierung: In der ACTIVE-Studie dauerte das Training laut Ball und Kollegen insgesamt nur rund fünf bis sechs Wochen, mit zwei Einheiten pro Woche. Entscheidend war, dass die Aufgaben schwieriger wurden, sobald die Teilnehmenden sie gut beherrschten. Genau das können Sie zu Hause nachahmen: Wird eine Übung leicht, verkürzen Sie die Zeit oder fügen Sie eine zweite Aufgabe hinzu.

Ein möglicher Wochenplan:

TagSchwerpunktBeispiel
MontagKonzentrationBuchstaben jagen
DienstagReaktionLineal fangen oder Farbsignal
MittwochGeteilte AufmerksamkeitGehen und rechnen
DonnerstagPlanungRoute im Kopf
FreitagSchnelles ErfassenZahlen-Buchstaben-Pfad
WochenendeGeselligJassen, Ballspiel mit den Enkeln

Machen Sie Ihre Übungen am besten ausgeruht und in einer ruhigen Umgebung. Notieren Sie Ihre Zeiten. Kleine Fortschritte sind motivierend.

Was hilft neben Gehirnjogging für sicheres Autofahren?

Training im Kopf ist ein Baustein. Ebenso wichtig sind Ablenkungen vermeiden, passende Strecken wählen, sich körperlich bewegen und bei Unsicherheit eine Fahrberatung nutzen.

Die bfu nennt für das Autofahren im Alter drei Kernpunkte: nur fahren, wenn Sie sich wohl fühlen, einfache und bekannte Strecken bevorzugen und bei Unsicherheit eine Fahrberatung in Anspruch nehmen. Bei Medikamenten empfiehlt die bfu, mit der Ärztin oder dem Apotheker zu klären, ob sie das Fahren beeinflussen.

Zur Ablenkung liefert die bfu deutliche Zahlen: Handynutzung erhöht das Unfallrisiko um den Faktor 3,6, das Bedienen von Navi oder Radio um den Faktor 2,5. Die bfu rät deshalb:

  • Navi vor der Fahrt programmieren.
  • Handy in der Tasche lassen.
  • Multitasking vermeiden.
  • Anhalten, wenn unterwegs etwas Wichtiges zu erledigen ist.

Wer seine Fahrpraxis auffrischen möchte, findet Kurse. Der TCS Zürich bietet zum Beispiel den Kurs «Fahren im Alter, Check Up» mit Theorieteil und einer 60-minütigen Fahrt im eigenen Auto mit einer Fachperson an. Die Rückmeldungen dort sind vertraulich.

Auch Bewegung gehört dazu. Pro Senectute empfiehlt, Gedächtnistraining und Bewegung fest in den Alltag einzubauen, und bietet in vielen Kantonen Kurse zur geistigen Fitness an. Warum Bewegung auch dem Denken guttut, erklärt unser Beitrag zur körperlichen Aktivität und kognitiven Gesundheit.

Hilft Gehirnjogging bei der Kontrolluntersuchung ab 75?

Gehirnjogging kann Ihnen helfen, sich geistig wach und sicherer zu fühlen. Die Untersuchung selbst ersetzt es nicht: Ab 75 ist sie alle zwei Jahre obligatorisch, und über die Fahreignung entscheidet die Ärztin oder der Arzt.

Gemäss Kanton Zürich erfolgt die Kontrolluntersuchung bei einer Ärztin oder einem Arzt mit Anerkennungsstufe 1. In der Regel haben Sie ab dem Datum des Aufgebots drei Monate Zeit. Fristverlängerungen sind grundsätzlich nicht möglich. Bei unklaren Ergebnissen kann der Kanton weitere Abklärungen oder eine Kontrollfahrt anordnen. Die Regeln können je nach Kanton im Detail abweichen, fragen Sie im Zweifel beim Strassenverkehrsamt nach.

Was regelmässiges Training trotzdem bringt:

  • Vertrautheit: Wer gewohnt ist, unter leichtem Zeitdruck zu denken, bleibt in Testsituationen eher ruhig.
  • Selbstbeobachtung: Sie merken früher, ob Ihnen etwas schwerer fällt als sonst.
  • Gesprächsstoff: Fallen Ihnen Veränderungen auf, etwa bei Konzentration oder Orientierung, sprechen Sie offen mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Nur dort erhalten Sie eine Einschätzung, die zu Ihrer persönlichen Situation passt.

Wie die Untersuchung abläuft, lesen Sie im Beitrag zur verkehrsmedizinischen Untersuchung Stufe 1. Wenn Sie strukturiert üben möchten, finden Sie im Buch «Meine Vorbereitung auf den Fahrtauglichkeitstest im Alter» passende Aufgaben und Erklärungen.

Gehirnjogging ist keine Pflicht, sondern eine Chance. Schon wenige Minuten am Tag halten den Kopf beweglich. Und wenn Sie dabei Freude haben, mit Enkeln, Freunden oder beim Jass, umso besser.

Häufige Fragen

Bringen Gehirnjogging-Apps auf dem Handy etwas für das Autofahren?

Apps können nützlich sein, wenn sie Tempo, Überblick und geteilte Aufmerksamkeit trainieren und schwieriger werden, sobald Sie besser sind. Laut einer grossen Übersichtsarbeit verbessern solche Programme aber vor allem die geübten Aufgaben selbst. Kombinieren Sie Apps deshalb mit Übungen im Alltag, Bewegung und echter Fahrpraxis.

Sind Kreuzworträtsel und Sudoku gutes Training für Autofahrer?

Rätsel halten Sprache und logisches Denken frisch und machen vielen Menschen Freude. Für das Autofahren sind jedoch Übungen näher am Ziel, die schnelles Erfassen, Reaktion und das Verteilen der Aufmerksamkeit verlangen. Am besten mischen Sie beides.

Kann ich mit Gehirnjogging die Kontrolluntersuchung ab 75 umgehen oder verschieben?

Nein. Die verkehrsmedizinische Kontrolluntersuchung ist ab 75 alle zwei Jahre obligatorisch, und Fristverlängerungen sind gemäss Kanton Zürich grundsätzlich nicht möglich. Gehirnjogging kann Ihnen aber helfen, geistig fit und ruhiger in die Untersuchung zu gehen.

Wie können Angehörige beim Training unterstützen?

Viele Übungen machen zu zweit mehr Spass, etwa Lineal fangen, das Farbsignal-Spiel oder ein gemeinsamer Jass. Angehörige können auch als Beifahrende ein kommentiertes Mitfahren anregen. Wichtig ist ein respektvoller Ton: Das Training soll motivieren, nicht prüfen.

Was tun, wenn mir die Übungen deutlich schwerer fallen als früher?

Gelegentliche Tagesformschwankungen sind normal, etwa bei Müdigkeit. Wenn Sie aber über längere Zeit merken, dass Konzentration, Orientierung oder Reaktion nachlassen, sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Dort erhalten Sie eine persönliche Einschätzung.

Quellen

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2026

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